Integrationsbund Mitte e.V.

Anne - Lübecker Str

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Anne Kretschmer                                                                                     Deutschunterricht für Flüchtling                                                                       29.07.2016

April

Ich habe schon länger darüber nachgedacht mit Flüchtlingen zu arbeiten. Allerdings ist es sehr schwer Kontakt zu Ehrenamtlichen zu bekommen und den richtigen Einsatzort für sich zu finden, weil es momentan einfach so viel zu tun gibt. Als ich dann aber über Frau Tilden-Machleidt erfahren hab, dass Herr Hirsch-Landau sich in Moabit, nahe meiner Wohnung, engagiert und den Kontakt vermitteln könnte, habe ich mich direkt bei ihm gemeldet und wir telefonierten. Er hatte mir vorher bereits mitgeteilt, wo denn Hilfe benötigt wird und ich habe mich daraufhin entschieden Deutsch zu unterrichten. Herr Hirsch-Landau vermittelte zwischen der Organisatorin des Deutschkurses und mir und so kam die Zusammenarbeit mit dem Integrationsbund Mitte e.V. zu Stande.

Mai

Nachdem ich telefonisch mit der Organisatorin ausgemacht hatte, wann ich das erste Mal zum schnuppern vorbei kommen möchte, war es dann Anfang Mai soweit. Da ich meiner Mitbewohnerin davon erzählt hatte, entschied sie sich spontan mit zu kommen und auch Deutsch zu unterrichten. Liegt vielleicht Nahe, wenn man Deutsch auf Lehramt studiert. Als wir dann auf dem Weg zum ersten Unterricht waren, war ich schon ziemlich gespannt, wie es denn sein wird. Aber das wir zu zweit waren, hat es einfacher gemacht. Ich hatte mir vorgestellt, dass dieser Unterricht ähnlich wie in der Schule wird: eine Tafel an der Wand und dann Tischreihen davor und Flüchtlinge als Schüler, die fleißig dahinter lernen. Natürlich war alles anders. Eine Tafel gab es, Tische und Flüchtlinge auch, mehr stimmte aber auch nicht mit meiner Vorstellung überein. Beim ersten Treffen erklärte uns die Organisatorin, wie der Unterricht im Groben aussieht und was es zu beachten gibt. Gut zu wissen war, dass man eine hohes Frustrationslevel besitzen muss, da die Flüchtlinge teilweise unregelmäßig kommen, die Verständigung auch manchmal schwierig sein kann und man verstehen muss, in welcher Lage sich die Flüchtlinge befinden. Das klang alles soweit so gut, dann trafen die ersten Flüchtlinge ein und wir hatten erstmal keine Vorstellung, wie wir sie jetzt am besten unterrichten können und was sie bereits wissen oder eben auch nicht. Es war also schon irgendwie zum Großteil learning by doing. Gelernt, beziehungsweise unterrichtet wird entweder in kleineren Gruppen von bis zu drei Leuten oder nur ein Schüler und ein Lehrer. Abhängig ist das von der Anzahl der Flüchtlinge, die in den Kurs kommen. Am Ende des Unterrichts war für meine Mitbewohnerin und mich klar, dass wir ab jetzt jede Woche unterrichten wollen und so war seit dem jeder Dienstag von 11.00 Uhr bis 13.00 Uhr und jeder Donnerstag von 14.00 Uhr bis 16.00 Uhr verplant.

Juni

Nach einer Einfindungsphase fiel uns das Unterrichten immer leichter.  Aber wir mussten auch feststellen, dass es schwierig war kontinuierlich mit den selben Flüchtlingen zu lernen, weil sie schlichtweg unregelmäßig da waren. Aber Spaß hat es die ganze Zeit gemacht und man ist in direktem Kontakt mit den Menschen. Man erfährt ihre Geschichten und kann sich nicht vorstellen, weshalb man sie aus irgendeinem Grund abschieben könnte. Man baut innerhalb kurzer Zeit doch schon eine Bindung zu den Flüchtlingen auf. So hat sich dann auch ergeben, dass ich meine Themenfeldarbeit zur Arbeitsmarktintegration syrischer Flüchtlinge in Deutschland geschrieben habe. Und durch den Deutschkurs, habe ich Syrer kennengelernt, mit denen ich Interviews dafür führen konnte.

Juli

Diese Interviews habe ich dann im Juli geführt und der durchgehende Tenor war, dass alle Befragten (nicht repräsentative Ergebnisse) in Deutschland bleiben möchten, dafür intensiv die Sprache lernen und dann arbeiten wollen. Innerhalb der letzten Monate habe ich auch gemerkt, wie sich die Flüchtlinge entwickeln. Positive Beispiele gibt es einige. Vielleicht kurz zum Abschluss etwas zu den Menschen, die ich unterrichten durfte.

M* ist 23 und Syrer, mittlerweile seit zirka sechs Monaten in Deutschland und war über die letzten Monate regelmäßig im Deutschkurs. Da er bereits Englisch spricht, war es einfacher für ihn Deutsch zu lernen, weil er das Alphabet bereits kannte und auch ansonsten sehr schnell gelernt hat. Seit zwei Wochen ist er jetzt in einem Integrationskurs und lernt fleißig weiter.

A* ist Afghane und seit über einem Jahr in Deutschland. Da A minderjährig ist oder es zumindest so angegeben hat bei der Einreise, weil er sein Geburtsdatum nicht kennt, geht er seit einigen Monaten zur Schule und kommt seit fast einem Jahr mal mehr mal weniger regelmäßig in den Deutschkurs. A musste das komplette Alphabet inklusive des Schreibens lernen. Schwieriger wird das Ganze noch dadurch, dass er seine Muttersprache nicht lesen kann, womit die Verständigung meist mit Händen, Füßen und Bildern funktionieren muss. Aber auch das bekommen wir mittlerweile gut hin und er kann Deutsch lesen, schreiben und einige Sachen auch verstehen.

R* ist Afghanin, eine der wenigen Frauen und bringt ihre Tochter (3) meist zum Unterricht mit. Sie ist erst seit kurzer Zeit im Deutschkurs und gerade noch am Anfang, ist aber voll motiviert und lernt fleißig. Sie lernt gerade das Alphabet und somit auch das Schreiben.

Die drei habe ich in den letzten Monaten am meisten betreut. Ich habe noch viele andere Geflüchtete kennengelernt und deren Geschichten gehört. Trotz allem sind diese Menschen immer noch unheimlich freundlich, fröhlich und motiviert sich ihr Leben in Deutschland aufzubauen. Weil mir die Arbeit so viel Spaß macht, werde ich auch weiterhin in der Perlebegerstraße in Berlin – Moabit unterrichten.

*Namen gekürzt, um Privatsphäre zu schützen